Der Januar: nass, kalt, grau und traurig. Aber kein Grund, in Depression zu versinken... oder eben doch, dann aber mit Stil und in Schwarzweiß! Gibt es eine bessere Zeit, um triste, traurige Bilder zu machen als den Januar, wo jeder Baum kahl ist, der weiße Himmel sich in Pfützen auf dem Kopfsteinpflaster spiegelt und jeder vorbeieilende Mensch mit Mütze und dicken Winterklamotten wie eine Personifikation der Kälte unserer Gesellschaft wirkt? Also: Warm anziehen und hinaus ins Grau!
Minimalanforderungen an Ihre Ausrüstung
Um wenigstens einen minimalen Einfluss auf Ihre Schwarzweiß-Bilder zu haben, benötigen Sie eine Kamera und ein Grafikprogramm, das mindestens Regler für Kontrast und Helligkeit vorweisen kann – besser noch eine Tonwertkorrektur und Regler, die einen Zugriff auf die Helligkeit einzelner Farben gestatten.
Ihre Kamera hat möglicherweise einen SW-Modus. Aber den sollten Sie nicht aktivieren, wenn Sie auch nur den geringsten Einfluss auf das Endprodukt haben wollen. Auch ein manueller Modus könnte Ihnen einiges erleichtern, denn der vollautomatische Modus möchte Ihnen perfekt belichtete Bilder liefern – was, wie Sie unten sehen werden, nicht immer erwünscht ist.
Ein buntes Bild wird grau und flau
Zuerst ein paar Worte zur Farbwahrnehmung. Fast jeder hat sich schon mal daran versucht: Aus einem Lieblingsbild oder einem gut gelungenen Porträt ein elegantes, klassisches Schwarzweiß-Foto zu machen. Allerdings wirken viele perfekt belichtete Bilder furchtbar matt und wie durch Nebel aufgenommen, wenn man die Farbe herausnimmt.
- Ein strahlend blauer Himmel wirkt in Schwarzweiß nur noch matschig. Das mittelhelle, klassische Himmelblau empfinden wir positiv. Aber mit einem Grau in der gleichen Stärke assoziieren wir nichts dergleichen.
- Grün hat die Eigenschaft, dass es uns viel heller vorkommt, als es tatsächlich ist (ein evolutionäres Erbe aus Jäger-und-Sammler-Zeiten). Darum wird man auch hier bei der Umwandlung oft enttäuscht, denn plötzlich ist diese schön satte, strahlende Wirkung weg.
- Gleich helle Farben, die sich durch den Farbkontrast schön voneinander abheben, können den gleichen Helligkeitsgrad haben und sehen in Schwarzweiß umgewandelt fast gleich aus.

Ergebnis bei "Farbe entfernen": Das passiert, wenn man einfach nur die Farben aus dem Bild nimmt. Das heller wirkende Grün ist tatsächlich genauso hell wie das Rot (gleiche Graustufe) und Farbkontraste werden irrelevant. (© Janina Matthiessen)
Bildgestaltung in Schwarzweiß: anders sehen lernen
Anhand der oben beschriebenen Probleme verstehen hoffentlich alle den praktischen Hintergrund dessen, was man sich theoretisch auch hätte denken können: Farben als gestalterisches Mittel fallen weg. Doch das ist tragischerweise der Zugang zur Bildgestaltung, den die meisten bei der Wahl des Motivs intuitiv nutzen.
Stattdessen sollten Sie Ihre ästhetische Wahrnehmung etwas modifizieren. Das erfordert ein bisschen Training: Sehen Sie sich ein paar klassische Schwarzweiß-Aufnahmen an. Was fällt auf? Die Spannung im Bild entsteht durch sehr helle und sehr dunkle Flächen. Es heißt ja auch "Schwarzweiß-Fotografie", nicht "Hellgrau-Dunkelgrau-Fotografie". Machen Sie sich also auf die Suche nach Motiven mit vielen Helligkeitskontrasten. Wenn Sie ein Motiv betrachten, kneifen Sie die Augen zusammen und stellen Sie sich vor, wie es aussähe, wenn es auf die hellen und dunklen Bereiche reduziert würde.
Zum Einstieg, quasi als Trainingslauf, kann man sich als Hintergrund große, einigermaßen homogene Flächen suchen – z.B. Plätze schräg von oben, Häuserwände oder den Himmel – und davor das Motiv setzen – z.B. die posierende Freundin, Passanten oder parkende Autos.
Eine andere Möglichkeit, homogene Flächen ins Bild zu bringen, sind Gegenlicht-Situationen. Diese sind in der Fotografie normalerweise verhasst:
- Entweder man belichtet die im Schatten liegenden Teile der Szene richtig, wodurch aber aufgrund des geringen Kontrastumfangs von Film/Sensor der Teil weiß überstrahlt wird, der von der Sonne beschienen wird,
- oder die Belichtung wird auf die im Licht liegenden Teile des Bildes eingestellt, dann versinken aber die im Schatten liegenden Bereiche in Schwärze.
In der Schwarzweiß-Fotografie kann man sich diese Einschränkung wunderbar als gestalterisches Mittel zunutze machen. Gerade der graue Winter ist die perfekte Zeit, um das Schwarzweiß-Sehen zu lernen, denn jetzt man wird nicht von bunten Motiven abgelenkt. Dazu kommt, dass kahle Bäume vor weißem Himmel oder ein Mensch im Schnee perfekte Anfänger-Motive sind, wenn es um die Wahrnehmung von Kontrast geht.

Eine klassische Aufnahme bei Gegenlicht (© Nopileon - Fotolia.com)
Durchforsten Sie auch Ihre Archive mit den alten Fotos: Bilder, die Sie längst als falsch belichtet abgehakt hatten, könnten sich mit ein bisschen Überarbeitung als wahre Schätze erweisen.
Die Umwandlung am Computer
Die einfache Methode, schnell und unkompliziert: die Bilddatei öffnen und mit "Farbe entfernen" oder "Graustufen" so umwandeln, dass das Bild schwarzweiß wird. Wahrscheinlich sieht das Bild jetzt matt und langweilig aus. Nun können aber durch eine Kontrastoptimierung die hellen Bereiche heller und die dunklen Bereiche dunkler gemacht werden:
- Manche Grafikprogramme ermöglichen eine Tonwertkorrektur über eine Kurve: Dabei sehen Sie einen "Berg". Verschieben Sie die Regler nun so, dass der ganz linke und der ganz rechte Regler am Fuß dieses Berges beginnen. Sehen Sie sich das Ergebnis nun an: Die hellste Stelle im Bild ist nun nicht mehr hellgrau, sondern weiß. Die dunkelste Stelle, die vorher dunkelgrau war, ist jetzt hingegen schwarz.
- Ähnliches können Sie auch mit den Schiebereglern für Kontrast und Helligkeit erreichen: Heben sie die Helligkeit vorsichtig an, bis es erste weiße Flächen im Bild gibt, dann erhöhen Sie vorsichtig den Kontrast, bis die dunklen Partien schwarz werden.
In beiden Fällen gilt es, sich vorsichtig an das gewünschte Ergebnis heranzutasten.

"SW-Umwandlung": Im mittleren Bild wurde nur die Farbe entfernt. Es ist deutlich sichtbar, dass kein Bereich ganz weiß oder ganz schwarz ist, wodurch das Bild flau wirkt. Im rechten Bild wurde der Kontrast optimiert, so dass die hellsten bzw. dunkelsten Bereiche weiß bzw. schwarz sind. (© Janina Matthiessen)
Komplizierter ist die Veränderung der Helligkeit einzelner Farben. Der Vorteil ist jedoch, dass Sie dabei einen größeren Einfluss auf das Endergebnis nehmen können. Besonders bunten Bildern mit vielen Farben einer ähnlichen Graustufe kann man im Nachhinein eine bessere Schwarzweiß-Tauglichkeit verpassen, wenn man einzelne Farben abdunkelt oder aufhellt.
In der analogen SW-Fotografie verwendet man zu diesem Zweck Farbfilter, die einige Farben verstärken bzw. andere abschwächen. Die Filter hellen immer die Farbe auf, in der sie selbst sind und dunkeln die Komplementärfarbe ab. Um zum Beispiel Laub heller erscheinen zu lassen, damit es in Schwarzweiß so strahlend wirkt, wie es uns das Gehirn beim Anblick eines Baumes vorgaukelt, verwendet man Grünfilter. Dieser sorgt dafür, dass die Blätter fast weiß wirken, gleichzeitig werden rote Bereiche abgedunkelt. Ein Rotfilter arbeitet umgekehrt: rote Bereiche werden aufgehellt, während Grün und Blau dunkler werden als in der Realität. Rotfilter werden häufig eingesetzt, um effektvoll Wolken zu fotografieren: der blaue Himmel wird abgedunkelt und die weißen Wolken hervorgehoben.
Auch in der digitalen Fotografie kann man auf Filter vor der Linse zurückgreifen. Man kann es sich aber auch leichter machen und in der digitalen Nachbearbeitung Filter imitieren. Dabei belässt man das Bild im RGB-Modus (also bunt), regelt die Farbsättigung herunter und wählt danach eine Farbe, deren Helligkeit man verändert. Der Effekt ist nicht ganz der gleiche wie bei Farbfiltern, da immer nur eine Farbe manipuliert wird und der Rest des Farbspektrums nicht betroffen ist.

"Farbkanäle ändern": In der ersten Reihe sind neben dem Originalbild zwei im RBG-Modus gehaltene Versionen mit entsättigter Farbe zu sehen. Die Rot- und Gelbtöne wurden aufgehellt (mittleres Bild) bzw. abgedunkelt (rechtes Bild). In der zweiten Reihe sind dieselben Bilder in kontrastoptimierter Form abgebildet. (© Janina Matthiessen)
Unser Foto-Tipp zur Schwarzweiß-Fotografie deckt nur einen winzigen Teil dieses gigantischen Gebiets ab. Nicht umsonst gibt es unzählige Bücher zu diesem Thema. Doch am besten lernen kann man es nur auf die klassische Art: indem man sich viele Schwarzweiß-Bilder ansieht und – vor allem – viel fotografiert.
Wir hoffen aber, dass wir Ihnen eine Ahnung davon vermitteln konnten, wie viel Spaß es bringt, an nassgrauen Tagen herumzulaufen und deprimierende Bilder zu machen.