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Der Weißabgleich: Eine kleine Einführung

13.05.2009

Er ist in jedem Kameramenü zu finden, wird jedoch sträflich vernachlässigt: Der Weißabgleich. Seltsamerweise wird dieses Thema von den meisten interessierten Laien einfach ignoriert, obwohl seine Rolle bei der Bildwirkung groß ist. Vielleicht liegt das an der Art der Informationen im Netz – spätestens beim Anblick der ersten Formel zur Wellenlänge werfen viele das Handtuch. Das ist schade, denn eigentlich braucht man keinen Grundkurs Physik, sondern nur ein bisschen Know-how, um mehr Kontrolle über seine Bilder zu bekommen.

Licht kann verschiedene Farben haben. Das weiß man, wenn man mal einen Raum mit Kunstlicht verlassen hat und die ersten Sekunden im Tageslicht alles Blau aussieht. Und haben Sie noch nie beim Shoppen den Kaufhausdetektiv nervös gemacht, weil Sie mit unbezahlter Ware zum Ausgang gegangen sind, um zu sehen, wie die Farbe bei Tageslicht aussieht?
In der Fotografie spielt die Farbe des Lichts eine wichtige Rolle. Sehr oft möchte man eine besondere Lichtsituation einfangen: einen romantischen Sonnenuntergang, den warmen Schimmer der Opferkerzen in der Kirche oder das coole, unrealistisch grüne Licht der Neonleuchten im Parkhaus. Die meisten verlassen sich dabei auf die Automatik der Kamera – aber die hat Grenzen. Oft sieht man auf den Fotos, die bei ungewöhnlichem Licht entstanden sind, eine komplett andere Farbe als das Motiv unserer Meinung nach hatte. So sind zum Beispiel Fotos, die bei Kunstlicht entstanden sind, oft zu blau. Oder der romantisch-rote Kerzenschimmer ist auf dem Foto auf einmal weg. Und Fotos, die bei wenig Licht entstanden sind, sehen auf einmal komplett andersfarbig aus als das Auge es wahrgenommen hatte.

Der vollautomatische Weißabgleich – oder: Was haben meine Kamera und mein Auge gemeinsam?
So wie Ihre Kamera im Automatik-Modus versucht, immer ein neutrales Weiß darzustellen, versucht auch Ihr Auge, Weiß immer Weiß aussehen zu lassen. Zugegeben, es ist schwierig, sich das vorzustellen, weil es ja keinen direkt sichtbaren Beweis für unterschiedliche Farben von Licht gibt. Dafür stellen unsere Augen einfach zu schnell um (wer mehr wissen will, das Stichwort lautet "chromatische Adaption"). Vielleicht haben Sie gerade eine Handykamera oder eine Digitalkamera zur Hand? Schwenken Sie mal zwischen einer Lampe und dem Fenster hin und her (bei Tageslicht, bitte) und betrachten Sie das Display. Sie werden sehen, dass weiße Flächen im Tageslicht einen Moment lang bläulich sind, während die Lampe sie rot aussehen lässt, bevor sich der automatische Weißabgleich auf ein neutrales Weiß einpendelt. Und jetzt loben Sie Ihre Augen, dass sie diese Anpassung so schnell schaffen, dass Sie es nicht mal merken.

Tageslicht ist tendenziell blau, und je heller es ist, z.B. gegen Mittag, desto bläulicher ist es. Kunstlicht ist rot, und je dunkler, desto rötlicher. Kerzenlicht ist am rötesten.

Farbstich als Gestaltungsmittel
Schön und gut, dass Ihre Kamera Weiß immer wie Weiß aussehen lässt. Aber gelegentlich will man ja gerade nicht die korrekten Farben haben, die entstehen, wenn das Weiß genau Weiß ist. Manchmal will man durch Farbstiche eine Stimmung erzeugen. Wenn man ein Foto bei Kerzenlicht macht, will man wahrscheinlich eine rötlich-warme Lichtstimmung einfangen. Dafür müssen Sie sich von Ihrem automatischen Weißabgleich verabschieden. Nun kommt es darauf an, welche Möglichkeiten Ihre Kamera zum Weißabgleich anbietet.

Die Weißabgleich-Voreinstellungen der Kamera
Viele Kameras haben bloß Voreinstellungen wie "Tageslicht", "Bewölkt", "Kunstlicht" etc. zu bieten, aber schon damit lässt sich einiges anstellen, wenn man diese Modi etwas zweckentfremdet.

  • Der Modus "Tageslicht" zum Beispiel reduziert den Blau-Anteil in den Bildern, damit – logisch – bei Tageslicht aufgenommene Bilder farblich neutral sind, und nicht blaustichig. Wenn Sie in diesem Modus im Licht einer Glühbirne oder im Kerzenschein fotografieren, bekommen Sie rotstichige Bilder, weil die Kamera weiterhin davon ausgeht, in bläulichem (Tages-)Licht zu arbeiten und entsprechend das Blau reduziert.
  • Anders herum wird im Modi "Kunstlicht" der Rot-Anteil reduziert. Das bedeutet, dass man bläuliche Bilder machen kann, die ein wenig wirken, als wären sie in der Dämmerung aufgenommen, sobald man in diesem Modus bei Tageslicht fotografiert.

Vorsicht, die oben genannten Beispiele sind nur eine Richtlinie. Je nach Hersteller werden immer andere Bezeichnungen verwendet und je nach Kameramodell haben Sie unterschiedliche und unterschiedlich viele Voreinstellungen zur Verfügung. Da hilft nur ausprobieren! Aber welchen Vorteil hat die digitale Fotografie, wenn nicht den, sich während des Shootings an das gewünschte Endergebnis herantasten zu können?
 
Der Weißabgleich in Kelvin
Viele ausstattungsreichere Kameras verfügen über eine manuelle Wahl der Farbtemperatur in der Einheit Kelvin (K). Wenn Sie den Farbstich Ihrer Bilder präzise selbst bestimmen wollen, kommen Sie um eine Kamera mit Kelvin-Wahl nicht herum!

Das Farbtemperatur-Thermometer:
Man kann sich die Licht-Farbe oder die "Farbtemperatur" in Kelvin wie ein Thermometer vorstellen – leider liegt die Einteilung genau diametral zu dem, was unsere Intuition uns sagt:

  • Warmes, rotes Licht hat eine niedrige Farbtemperatur, wie z.B. rötliches Kerzenlicht (1500 K) oder das gelbliche Licht einer 60W-Glühbirne (2680 K).
  • Dagegen hat kaltes, blaues Licht eine hohe Farbtemperatur, wie z.B. die blaue Stunde der Dämmerung (12.000 K). Die höchste Farbtemperatur hat der blaue, klare Mittagshimmel mit bis zu 27.000 K.

Vielleicht hilft Ihnen die Eselbrücke, dass glühendes Metall erst rot und dann blau wird, um sich zu merken, welche Farbe an welchem Ende des Thermometers steht.

Um das Weiß neutral zu machen, stellen Sie bei diesen Kameras also die aktuelle Farbtemperatur ein, die es zu kompensieren gilt. Um z.B. Tageslicht (blau, ca. 9000 K) neutral darzustellen, stellen sie die Kamera auf 9000 K, denn damit sagen Sie ihr: "Draußen sind es 9000 K, also mach mal ordentlich Rot rein." Um warmes Glühlampenlicht neutral weiß darzustellen, müssen Sie entsprechend eine niedrige Farbtemperatur einstellen.
Für das Erzeugen einer Farbstimmung müssen Sie also die "falsche" Farbtemperatur einstellen: Je höher die Zahl, desto mehr Rot mischt die Kamera bei. Je niedriger die Zahl, desto größer wird der Blau-Anteil.

Tabellen zur Farbtemperatur verschiedener Lichtquellen gibt es zuhauf im Internet, aber Sie müssen diese natürlich nicht auswendig lernen. Auch hier gilt: Genießen Sie die Vorteile der Digitalfotografie und tasten Sie sich an die gewünschte Einstellung heran, indem Sie die Ergebnisse immer wieder auf dem Display überprüfen.

Manueller Weißabgleich
Nun wurden alle Möglichkeiten beschrieben, wie man die Kamera so überlisten kann, dass sie nicht die tatsächlichen Farben darstellt. Aber was, wenn man die tatsächlichen Farben abbilden will, aber die Automatik spielt nicht mit?
Die Weißabgleich-Automatik der Kamera braucht eine weiße Fläche im Motiv, um die korrekte Farbtemperatur ermitteln zu können. Oft gibt es im Motiv aber keine oder keine ausreichend große weiße Fläche, so dass die Automatik nicht richtig arbeiten kann. Das ist oftmals der Grund dafür, dass Asphalt plötzlich blau oder braun, Gesichter grün oder Blätter gelblich aussehen. Man kann sich nun mit den oben beschriebenen Methoden an die gewünschte Farbe herantasten, sei es nun mit der Kelvin-Zahl oder mit den Voreinstellungen. 
Viele Kameras bieten für diesen Fall aber einen manuellen Weißabgleich. Dieser funktioniert natürlich von Kamera zu Kamera unterschiedlich, aber das Grundprinzip ist immer gleich: Eine weiße Fläche wird fotografiert – möglichst so, dass sie den ganzen Bildbereich ausfüllt – und als Referenz benutzt. Damit sagt man der Kamera: "Das, was da so rot (oder grün oder blau) aussieht, ist eigentlich weiß, also pass mal die folgenden Bilder alle dementsprechend farblich an." Im Prinzip macht also der automatische Weißabgleich wieder die ganze Arbeit, nur dass er sich als "Weiß" nicht die hellste Stelle im Motiv aussucht, sondern das von Ihnen geschossene Referenzbild aus dem Speicher verwendet.

Zur unterschiedlichen Bedienung müssten Sie dann vielleicht doch mal einen Blick in die Bedienungsanleitung werfen. Denn wie das Referenzbild entsteht, unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller. Bei der Canon EOS 20D z.B. kann man das Referenzbild einfach aus den vorher gemachten Bildern auswählen, während die Casio Exilim EX-Z77 einem nach dem Anwählen des manuellen Weißabgleichs (hier unter dem Namen "MWB") dazu auffordert, ein Referenzbild (also eine weiße Fläche) aufzunehmen. Profis haben aus diesem Grund übrigens immer eine sogenannte "Graukarte" dabei. Wenn Sie also wichtig aussehen wollen, können sie sich eine für ca. 20 € besorgen. Kleiner Tipp: Ein einfaches weißes Blatt Papier tut's auch...

 

Bildnachweis (v.o.n.u.): © Claudia Arndt - Fotolia.com, © Bernd Kröger - Fotolia.com

 
 
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